Stell eine runde und eine eckige Holzfigur nebeneinander aufs Systembrett und frag in die Runde, wer da steht. Die Antwort kommt fast immer sofort: eine Frau und ein Mann. Festgelegt hat das niemand. Die Formen haben es trotzdem erzählt.
Für viele Aufstellungen ist das praktisch. Für nicht-binäre Menschen, für trans* Personen in Veränderungsprozessen und für alle, deren Leben nicht in „Mutter, Vater, Kind“ aufgeht, ist es ein stiller Stolperstein. Genau dafür haben wir die nicht-binären Systembrett Pro Figuren entwickelt. Dieser Blogbeitrag ist trotzdem kein Produkttext. Er richtet sich an alle, die systemisch beraten, coachen oder therapieren und queersensibel arbeiten wollen. Und an queere Menschen, die überlegen, ob eine Aufstellung zu ihnen passt.
Holzfiguren haben kein Geschlecht. Wir geben ihnen trotzdem eins.
Menschen lesen Formen. Rundungen verbinden wir kulturell mit weich, fürsorglich, weiblich. Kanten und breite Schultern mit stabil, kräftig, männlich. Das passiert blitzschnell und meistens unbewusst, auch bei erfahrenen Berater*innen.
Besonders deutlich wird das beim Genogramm. In der klassischen Notation steht der Kreis für eine Frau und das Quadrat für einen Mann. Wer jahrelang mit Genogrammen gearbeitet hat, trägt diese Logik mit ans Systembrett. Viele Figurensets, auch unsere eigene Systembrett Pro Serie, nutzen runde und kantige Formen, damit Rollen auf einen Blick unterscheidbar sind. Das funktioniert gut, solange die Menschen im System selbst in diese Zweiteilung passen.
Was auf dem Brett passiert, wenn die Figur nicht stimmt
Aufstellungsarbeit lebt vom Externalisieren. Ein inneres Bild wandert nach außen, wird sichtbar, lässt sich verschieben und von der Seite anschauen. Bringt eine Figur aber eine Zuschreibung mit, die nicht passt, beginnt die Arbeit mit einer Korrektur: „Die ist zwar rund, aber so ist die Person eigentlich nicht.“
Das klingt harmlos. Für Menschen, die im Alltag ständig falsch gelesen werden, ist es eine weitere kleine Erfahrung von Nicht-Gemeintsein, diesmal im eigenen Bild. Beratung und Therapie sind oft einer der wenigen Orte, an denen genau das nicht passieren sollte. Dazu kommt: Jede Korrektur kostet Aufmerksamkeit, die eigentlich dem Anliegen gehört.
Das gilt nicht nur, wenn Klient*innen sich selbst aufstellen. Es betrifft genauso nicht-binäre Partner*innen, Kinder, Geschwister, Freund*innen oder Kolleg*innen, die im System eine Rolle spielen.

Rund und eckig in einer Figur
Die nicht-binären Pro Figuren verbinden beide Formsprachen bewusst in einem Körper. Sie sind weder das eine noch das andere und genau deshalb offen. Ob eine Figur eine nicht-binäre Person zeigt, jemanden mitten in einem Identitätsprozess oder eine Rolle, die schlicht ohne Geschlechtszuschreibung auskommen soll, entscheidet die Person, die aufstellt. Oder sie lässt es bewusst offen.
Handwerklich gehören die Figuren voll zur Pro-Serie: Buchenholz, gelaserte Augen ohne vorgegebenen Gesichtsausdruck und vier Größen von 4, 6, 8 und 10 cm. Die Augen zeigen eine Blickrichtung, und die ist in queeren Themen erstaunlich oft der Kern der Sache. Wer schaut hin, wer schaut weg? Es gibt zwei Sets mit je acht Figuren (V.1 und V.2) sowie das Komplettset mit 16 Figuren.
Wo queere Lebensrealitäten in Aufstellungen auftauchen
Queere Menschen sind im Schnitt häufiger psychisch belastet als der Rest der Bevölkerung. Nicht wegen ihrer Identität, sondern wegen der Erfahrungen, die sie damit machen: Ablehnung, Unsichtbarkeit, das dauernde Abwägen, wem man sich zeigt. Die Forschung spricht von Minderheitenstress. Entsprechend oft landen queere Themen in Coaching, Beratung und Therapie. Einige Situationen begegnen uns in Gesprächen mit Kund*innen immer wieder.
Die eigene Identität sichtbar machen
Für nicht-binäre Klient*innen ist es ein Unterschied, ob sie sich aus einem Set wählen können, das sie mitdenkt, oder ob sie „die am wenigsten falsche“ Figur nehmen müssen. Manchmal ist dieser Moment der Wahl schon ein eigener Gesprächsanlass.
Coming-out: Wer weiß es, wer nicht?
Ein Klassiker in der queeren Beratung. Die Person steht in der Mitte, drumherum Familie, Freundeskreis, Team. Wer steht nah, wer weit weg? Wer weiß Bescheid? Wer schaut hin, wer dreht sich weg? Mit gelaserten Augen lässt sich das ohne viele Worte zeigen. Oft wird dabei klar, welches Gespräch als nächstes dran ist und welches noch warten darf.
Transition und Namenswechsel
Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Manche trans* Personen möchten ihren Weg abbilden, mit einer Figur für „damals“ und einer für „jetzt“. Andere wollen die frühere Zuschreibung auf keinen Fall aufs Brett stellen. Beides ist legitim, und die Entscheidung liegt immer bei der Person selbst. Eine offene Figur kann helfen, einen Übergang zu zeigen, ohne ein Vorher festzuschreiben.
Regenbogenfamilien und Mehrelternfamilien
Klassische Familienaufstellungen gehen oft still von Mutter, Vater und Kind aus. Zwei Mütter, zwei Väter, Co-Parenting mit drei oder vier Erwachsenen, ein bekannter Spender, eine nicht-binäre Elternperson: All das bricht das gewohnte Raster auf. Mit offenen Figuren muss niemand in eine Rolle gepresst werden, nur weil das Set nichts anderes hergibt.
Wahlfamilie
Viele queere Menschen haben neben der Herkunftsfamilie eine „Chosen Family“, also Menschen, die emotional mehr Familie sind als manche Verwandte. In einer Aufstellung beide Systeme nebeneinander zu sehen, kann sehr klärend sein. Wo steht die Wahlfamilie im Verhältnis zur Herkunft? Gibt es Berührungspunkte oder zwei getrennte Welten?
Innere Anteile
In der Arbeit mit inneren Anteilen, etwa angelehnt an Internal Family Systems, haben Anteile oft gar kein Geschlecht. „Der Teil, der sich anpasst.“ „Der Teil, der endlich laut sein will.“ Gerade bei Menschen, die lange eine Seite von sich versteckt haben, wäre eine geschlechtlich gelesene Figur hier eher im Weg.
Jugendhilfe und Schulsozialarbeit
Viele Jugendliche setzen sich mit ihrer geschlechtlichen Identität auseinander, bevor sie Worte dafür haben. Eine Figur, die nichts festlegt, ist niedrigschwellig. Sie drängt nicht zu einer Antwort und signalisiert trotzdem: Hier ist Platz für mehr als zwei Möglichkeiten.
Teams und Organisationen
Auch in Organisationsaufstellungen arbeiten nicht-binäre Menschen mit. Und selbst jenseits von Identitätsfragen sind offene Figuren nützlich: Für Kund*innen, den Markt, ein Projekt oder einen Wert wäre eine männlich oder weiblich gelesene Figur ohnehin irreführend.

Was queersensible Aufstellungsarbeit ausmacht
Die Figuren allein machen noch keine gute Beratung. Ein paar Haltungen und Handgriffe entscheiden mit, ob sich jemand am Brett gemeint fühlt.
Nicht vorsortieren. Statt „Nimm dir eine Figur für deinen Vater“ lieber das ganze Set anbieten und wählen lassen. Wer vorher Figuren nach Geschlecht sortiert, hat die Antwort schon vorweggenommen.
Die Wahl ist Material, keine Pflicht. Die nicht-binären Figuren sind keine „queeren Figuren“, die queere Menschen nehmen sollten. Wenn eine trans Frau sich für eine runde Figur entscheidet, ist das ihre Antwort. Umgekehrt kann eine cis Person eine offene Figur wählen, weil sich eine Rolle so richtiger anfühlt. Interessant ist die Frage danach: Was macht genau diese Figur passend?
Namen und Pronomen erfragen, auch für die Aufgestellten. Wer ist das? Wie sprichst du über diese Person? Das gilt für Klient*innen selbst und für alle Menschen im System. Wer Namen oder Pronomen sichtbar machen möchte, kann mit beschreibbaren Karten arbeiten, etwa mit unseren Pro Figuren mit Kartenschlitz.
Größe bewusst deuten. Die vier Größen stehen nicht nur für Alter oder Hierarchie. Sie können auch zeigen, wie viel Raum ein Mensch oder ein Thema gerade einnimmt. Eine kleine Figur für das eigene Ich kann eine wichtige Aussage sein.
Eigene Annahmen prüfen. Heteronormative Fragen schleichen sich leicht ein: „Und was sagt dein Mann dazu?“ Offene Formulierungen wie „Gibt es eine Partnerschaft, die hier eine Rolle spielt?“ kosten nichts und öffnen viel.
Wie die nicht-binären Figuren in die Pro-Serie passen
Die neuen Figuren ersetzen nichts. Sie ergänzen die bestehende Serie, und weil Material, Augen und Größen übereinstimmen, fügen sie sich optisch nahtlos in jede Aufstellung ein. Je nach Arbeitsweise lohnt sich ein Blick auf die anderen Sets:
- Systembrett Pro Figuren (Natur): das Grundset mit 24 Figuren, 8 zusätzlichen Holzelementen und Baumwollbeutel.
- Pro Figuren mit Kartenschlitz: für Namen, Pronomen, Rollen, Werte oder Fotos direkt an der Figur.
- Pro Figuren bunt: wenn Farbe Zugehörigkeiten, Gruppen oder Gefühlslagen tragen soll.
- Pro Figuren schwarz und Pro Figuren weiß: für starke Kontraste, etwa zwischen Innen und Außen oder Vergangenheit und Gegenwart.
- Goldene Systembrett Figuren: für Ressourcen, Vorbilder oder das, was jemandem Halt gibt.
Alle Sets findest du gesammelt in unserer Kategorie Coaching & Systemische Aufstellung.
Häufige Fragen
Was bedeutet non-binär bzw. nichtbinär?
Nicht-binäre Menschen verorten sich nicht ausschließlich als Mann oder Frau. Manche fühlen sich keinem Geschlecht zugehörig, manche mehreren, manche bewegen sich dazwischen. Die Schreibweisen non-binär, nichtbinär und nicht-binär meinen dasselbe. Im Englischen ist oft von „non-binary“ oder kurz „enby“ die Rede.
Sind die Figuren nur für die Arbeit mit queeren Klient*innen gedacht?
Nein. Sie eignen sich überall dort, wo eine Rolle ohne Geschlechtszuschreibung dargestellt werden soll: bei inneren Anteilen, abstrakten Themen, in Organisationsaufstellungen oder in der Pädagogik. Queere Lebensrealitäten sind ein wichtiger Einsatzbereich, aber nicht der einzige.
Kann ich die Figuren mit meinem vorhandenen Systembrett nutzen?
Ja. Die Figuren sind Teil der Pro-Serie und passen zu unseren Systembrettern. Sie lassen sich genauso auf anderen Brettern, auf dem Tisch oder auf dem Boden einsetzen.
Was ist der Unterschied zwischen V.1 und V.2?
Beide Sets enthalten acht Figuren in vier Größen, aber mit unterschiedlichen Formen. Wer viel Auswahl am Brett haben möchte, greift zum Komplettset mit 16 Figuren.
Ist eine Aufstellung für queere Menschen überhaupt sinnvoll?
Das hängt weniger von der Methode ab als von der Person, die sie anleitet. Aufstellungsarbeit kann sehr hilfreich sein, um Beziehungen, Coming-out-Fragen oder Familiendynamiken zu sortieren. Achte darauf, dass deine Berater*in queersensibel arbeitet. Frag ruhig direkt nach Erfahrung mit LSBTIQ* Themen. Auch queere Beratungsstellen können gute Adressen vermitteln.
Systembrett Pro Figuren (non-binär)
Buchenholz, gelaserte Augen, vier Größen von 4 bis 10 cm. Als V.1, V.2 oder Komplettset mit 16 Figuren.















